Ovid beschreibt in den Metamorphosen die Burg der Fama, der Gottheit des Gerüchtes. In der Mitte der Welt, zwischen Land, See, Himmel und Erde werde alles gehört und gesehen, niemals sei Ruhe in den Hallen, doch auch kein Wort könne verstanden werden. Nur Gemurmel und Gezische ist zu vernehmen.
Heute würde Ovid die Heimat des Gerüchtes anderswo ansiedeln, soviel ist anzunehmen. Zwischen Himmel und Erde, zwischen Land und See – wir alle kennen den Ort, auf den diese Beschreibung zutrifft: das Internet. Und Famas Burg, eine ihrer Burgen, das ist Twitter.
Studie: Twitter und die Journalisten
Twitter wurde im letzten Monat erneut mit einer Studie bedacht, wieder ging es um die Bedeutung und den Umgang mit dem Dienst, diesmal standen Journalisten im Zentrum der Betrachtung.
Die Forscher stellten bei einer Befragung von 70 Netzjournalisten fest, dass der Dienst zur Recherche, Publikation und Kommunikation verwendet wird. Einheitliche Standards bei der Benutzung existieren derzeit erst zum Teil.
Es wird die mangelnde Netzkompetenz beklagt, dies aber ist eine subjektive Sicht der Befragten. Ein wissenschaftliches Kriterium für “Netzkompetenz” bietet die Studie nicht.
Letztlich bestätigen die Befragten die These, dass Twitter den Zeitdruck bei der Berichterstattung erhöht habe. Die Zeit für das Gegenprüfen von Informationen oder unabhängige Recherchen schwindet.
Alte Weisheiten
Vergleichen wir, aus rein heuristischem Interesse (also zur eigenen Freude), das Twittern mit einem Tresengespräch. Wir recherchieren (Weißt du was über den Maier-Sepp?), kommunizieren (Ich fand den schon immer komisch!), und publizieren (Ich hab gesehen, wie der seine Frau geschlagen hat!) Informationen mit anderen Teilnehmern.
Einheitliche Standards bei der Überprüfung der Nachrichten oder in der Art, wie diese präsentiert werden, existieren nicht. Obwohl es Tresengespräche in Deutschland seit mindestens 1500 Jahren gibt. Entsprechend wird auch die Gesprächskompetenz anderer Teilnehmer durch die Befragten häufig als unzureichend beschrieben.
Was bleibt anders?
Wer nun rufen mag: “Sieh da! Twitter ist nur ein neuer Wuchs am alten Baum!”, der soll kurz einhalten. Twitter ist schneller und jedem zugänglich. Die als Bürgerjournalisten bezeichneten Twitter-Berichterstatter bei der Leipziger Geiselnahme oder den Aufständen im Iran liefern tatsächliche Nachrichten und ziehen die Aufmerksamkeit des (Netz-)Publikums auf sich.
Aber ist das Journalismus?
Geiselnahme in der Leipziger Innenstadt. Polizei sperrt H&M Umgebung ab. Angeblich Mann mit Waffe.
Twitter bietet bei aller Geschwindigkeit nur Informationen, ungeprüfte Sachverhalte. Die Einordnung derselben kann es nicht leisten.
Und eben hier zeigt sich der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Journalismus: im Sammeln und Filtern, im Ordnen und Bewerten von Informationen. Unabhängig, ob diese vom Tresen, von Twitter oder aus Famas Burgen stammen.







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