Mit einem dicklichen, kobaltblauen Buch in meinen Händen lehnte ich mich zurück. Ich hatte es mir kurz zuvor gekauft und nun war ich gespannt, mit welchen fremdartigen Begriffen und unbekanntem Wissen es mich in seinen Bann ziehen würde. Es war mein erstes psychologisches Wörterbuch und sollte mir helfen, eine neue Welt zu erschließen. Die Welt der Psychologie. Ursprünglich hatte ich nur kurz einen Begriff aus der letzten Vorlesung nachschlagen wollen, doch daraus wurde nichts. Mühelos zog mich das Lexikon in seinen Bann. Von der klassischen Konditionierung führte mich mein Weg über die Skinnerbox und den Behaviorismus – immer weiter in die Tiefen der Psychologie. Als ich daraus wieder auftauchte, war ich beim hochinteressanten Milgram-Experiment gelandet und von all dem Gelesenen geradezu berauscht. Eine wundervolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte und wohl nur mit einem Lexikon erleben konnte.
Nun hat der Brockhaus angekündigt, sein gesamtes Hauptgeschäft mit Lexika auf das Internet zu verlegen. Ab dem 15. April wird der Verlag seine traditionsreiche Brockhaus Enzyklopädie mit über 300.000 Stichwörtern kostenlos online zur Verfügung stellen. Die Finanzierung soll künftig über Werbung erfolgen. Ob wir nun, während wir über die Kultur der Azteken lesen, uns auch parallel über die schillernde Tchibo-Welt informieren lassen können, wird sich zeigen. Eins steht jedoch fest: Ein großer Lesegenuss wird uns künftig Stück für Stück abhandenkommen.
Bücher und das Internet sind zwei grundverschiedene Medien. Jedes für sich hat seine Daseinsberechtigung, kann das andere jedoch nicht ersetzen. Das Internet ist ein sogenanntes Hol-Medium. Das heißt die Nutzer müssen gezielt über Suchbegriffe suchen und können sich nur bedingt einfach forttreiben lassen. Um sich etwas holen zu können, muss man aber zuerst einmal wissen, was es alles gibt. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer begraben. In einer Gesellschaft, in der sich selbst engagierte Eltern schwer tun, ihren Kindern zu erklären, wie das Verwandtschaftsverhältnis von Schimpansen und Menschen genau aussieht, ist der Verlust eines umfassenden und fundierten Nachschlagewerkes außerordentlich bedauerlich. Denn ohne das passende Schlagwort und die richtige Muße zum Nachlesen wird dieses Mysterium weiter ein Mysterium bleiben und für viele Kinder wird die Faszination Wissen nicht erfahrbar. Neben diesem einmaligen Leseerlebnis gibt es noch einen andere Aspekte zu bedenken: Das Leseverhalten im Internet.
Das Surfen im Netz hat weniger mit herkömmlichem Lesen zu tun, als viele annehmen. Auch im Netz wird gelesen, aber dieses Lesen ist anders als das klassische Lesen eines Buches. Eine Studie, die sich mit der Informationsaufnahme im Netz beschäftigte, zeigte, dass Webseiten von ca. 70-80% der Personen nicht gelesen sondern „gescannt“ werden. Anders, als beim herkömmlichen Lesen, „fliegt“ das Auge mit dreifacher Lesegeschwindigkeit über den Text und nimmt dabei, nur hervorstechende Informationen wie beispielsweise Überschriften, Fettgedrucktes und Grafiken war. Nur an diesen Eyecatchern bleibt das Auge hängen und nimmt tatsächlich Informationen auf. Aus diesem Grund raten wir unseren Kunden sich im Netz auf das Wesentliche zu beschränken und längere, komplexe Texte den klassischen Medien zu überlassen. Aus diesem Blickwinkel erscheint eine reine Onlineversion des Brockhaus, wie sie vom Verlag geplant ist, als bedenklich. Der Vergleich mit dem Online-Nachschlagewerk Wikipedia hinkt in dem Punkt, dass hier nur bereits gehörte Begrifflichkeiten gesucht werden und ein klassisches Stöbern und Treiben lassen wie in einem klassischen Lexikon schwer vorstellbar ist. Wirtschaftlich mag die Entscheidung des Verlages mutig und richtig sein – aus gesellschaftlicher Sicht erscheint sie mir ein Desaster.






Langeweile unterwegs?